Scorpion: Bericht nach 1.500 km
Scorpion mit Streamer (Quelle: H.C.)
Vorwort
Ich selber fahre seit 2004 ein Flux C500 Liegerad und hatte mir das Scorpion Dreirad im Herbst 2006 als Ergänzung für Winter, Kurztouren und für Spassfahrten zugelegt. Leider habe ich das Rad im Sommer 2007 wieder verkauft (nach ca. 1500 km) da es meinen individuellen Anforderungen doch nicht entsprach.
Einleitung
Das Scorpion ist insgesamt ein schickes und gut ausgestattetes Rad und besticht insbesondere durch die vielen Optionen im Bereich Bremse/Schaltung, die HP Velotechnik ab Werk anbietet, sowie durch das große Händlernetz, das in Deutschland besteht. Die Verarbeitung ist gut und ich hatte nach dem ich das Trike bekommen hatte mein normales Liegerad kaum mehr genutzt. Der Spaß-, gefühlte Sicherheits- und Komfortfaktor war Einfach "8->".
Ausstattung
- Scorpion 81-Gang Version
- Magura BIG gekoppelte Scheibenbremse
- Airflow-Auflage, Kopfstütze
- Gepäckträger, Schutzbleche
- Streamer
- SON Nabendynamo später nachgerüstet
Fahreigenschaften
Das Scorpion fährt gut und sicher durch den weiten Radstand. Mit dem Wenderadius bin ich immer gut klar gekommen, besser geht es wohl mit 20" Vorderrädern auch kaum. Durch den sehr steifen Alu-Rahmen werden alle Fahrbahnunebenheiten bei Slick-Bereifung (Marathon Slick damals Serie) sehr direkt auf den Fahrer übertragen, weswegen ich schnell auf Big Apple Bereifung gewechselt habe. Durch die Apple Bereifung ist das Fahren ein Traum, das Scorpion verliert aber deutlich an Agilität. Im subjektiven Vergleich lässt sich z.B. ein ICE Q-NT Trike (Stahlrahmen) mit Slicks entspannter und agiler fahren.
Da das Scorpion sehr wenig Tretlagerüberhöhung hat (weniger als z.B. das Flux C500 Reiserad) ist die Kraftübertragung, gerade am Berg, nicht so direkt. Ich persönlich finde das Fahren mit mehr Tretlagerüberhöhung entspannter und energetisch effizienter. Sicher ist das fahren mit weniger Tretlagerüberhöhung für Neueinsteiger zugänglicher, bei mir hat es aber letztendlich - in Verbindung mit dem Sitz - bei agiler Fahrweise zu Verspannungen geführt die ich von meinem Liegerad nicht kannte.
Schaltung
Schaltung (Quelle: H.C.)
Mit der 81-Gang Version war ich jederzeit vollends zufrieden. Eine Rohloff Schaltung würde ich aufgrund der hohen Freilaufgeräusche und der Geräuschkulisse von Gang 1-7 nicht empfehlen. Die SRam 3-Gang Nabe ist zwar lauter als der Freilauf einer normalen LX/XT Nabe, es bewegt sich aber noch alles im Grünen. Dadurch das ein Trike bei langsamer Fahrt nicht instabil wird, können die 1000% Entfaltung in Bergen und bei Abfahrten sinnvoll genutzt werden. Die Nabe ist zudem ein gute Hilfe wenn das Runterschalten an der Ampel vergessen wurde. Wer absolut auf Effizienz und geringe Geräuschkulisse wert legt, sollte aber keine Getriebenabe wählen.
Bremse
Bremsen (Quelle: H.C.)
Gekoppelt oder einzeln gebremste Räder? Der Vorteil der gekoppelten Hydraulikbremse ist eine sehr gute Bremswirkung bei gleichmäßiger Verzögerung (kein seitliches Ausbrechen durch unterschiedliche Bremskraft an den Rädern) und Bedienung mit einer Hand. Nachteil ist: Bei unterschiedlichen Oberflächen unter den Vorderrädern kann das Rad verziehen. Da dies eine Geschmacksfrage ist, muss das jeder für sich beantworten.
Die Magura Big hat jedenfalls eine absolut hervorragende Bremsleistung, die nicht mit mech. Scheibenbremse oder einer Trommelbremse (wie z.B. an den ICE Trikes oder vielen Velomobilen anzutreffen) zu vergleichen ist, was aber durch eine höhere Systemanfälligkeit (Hydraulik) erkauft wird. Die automatische Belagsnachstellung bei der Big kann aber nerven wenn sie mal nicht funktioniert (Katsching, Katsching,...), so das man wirklich überlegen sollte ob die serienmäßigen Avid BB7 nicht ausreichen (Mechanisch/Bowdenzug, manuelle Nachstellung).
Licht
Nach einigen Nachtfahrten mit Seitenläufern sehnt man sich nach einem Nabendynamo. Der SON XS-M Nabendynamo den SON wohl primär für HP Velotechniks Scorpion entwickelt hat ist ein Alleinstellungsmerkmal unter den (Tadpole) Trikes. Sündhaft teuer, aber wunderbar in Funktion und Anmutung.
Letztendlich sollte aber überlegt werden ob eine einfache Dynamobeleuchtung für den Notfall und die StvO sowie zusätlich ein Batterielicht für Vorne (z.B. Bumm Ixon IQ) und ein Rücklicht mit Batteriebackup (Bumm DToplight Senso) nicht günstiger und flexibler sind. Dies ist zumindest meine aktuelle Wahl, da der SON XS-M für mein neues Trike nicht verfügbar ist. So habe ich volles Licht ohne nervigen Dynamo, kann aber im Notfall zuschalten und bin StvO Konform.
Sitz
Vorab: Dies war der Grund, mein Scorpion zu verkaufen, deswegen bin ich hier ggf. negativ vorbelastet.
Ob genialer Streich oder Reduzierung der Varianten im Lager, die Meinungen gehen auseinander. Bei Etwas wie dem Sitz, der Verbindung zwischen Mensch und Rad ist eine perfekte Passform wichtig: "den" Sitz oder "das" Sitzkonzept das allen Passt wird es kaum geben.
Der Bodylink besticht hier durch stufenlose Einstellbarkeit, wo es vorher 3 Größen gab. Wichtig ist beim Bodylink, das die Lordosenunterstützung nur in bestimmten Einstellungen erreicht werden kann, mir hat Sie nie richtig gereicht. Weiterhin bietet der Sitz vorne in der Mitte nur eine im Vergleich kleine "Nase" (um ein Rausrutschen aus dem Sitz zu verhindern) und hat dafür einen Rand an den Seiten, der bei mir aber Kontakt mit den Hüften/Oberschenkeln gehabt hat. Dieses lösen meiner Meinung nach ICE und auch z.B. die Steintrikes mit Ihren Hartschalensitzen besser. Also: Unbedingt probe fahren, da mir dieses erst nach ca. 800 Km aufgefallen ist.
Nachteilig habe ich zudem das dünne, seitlich abgesteppte und geteilte Polster empfunden. Eine durchgängige Airflowauflage (alter HP-Velotechnik Sitz, ICE Trice, Flux, Steintrike, ect.) empfinde ich als besser und mit weniger potentiellen Druckstellen behaftet. Die von ICE Trikes bekannten serienmäßigen "Love Handles" für den Schalensitz und einen optionalen Spannsitz führt HP mit dem Modeljahr 2008 ein. In wieweit die besser oder schlechter sind als das vermeintliche Original kann ich nicht sagen, auf jeden Fall eine nochmals deutliche Aufwertung des Zubehörprogrammes. Die seitlichen Führungen für den Schalensitz ("Love Handles") empfehle ich unbedingt!
Streamer
Der halbe Weg zum Velomobil. Toll für kalte Tage, wirkt aber irgendwie etwas labil und erzeugt durch Schallreflektion schon eine deutliche Geräuschkulisse. Ggf. schaffe ich mir noch einmal einen an, oder auch einfach bessere Winterkleidung ;-). Problematisch ist auf jeden Fall die Lichtbefestigung, die dann sehr tief ausfällt. Das ist aber alles nicht Scorpionspezifisch.
Sonstiges
Bei Abholung sollten grundsätzlich die Anbauteile, insbesondere der Gebäckträger auf einen nicht verzogenen Aufbau überprüft werden. Das hintere Schutzblech neigte bei mir zu nervenden Schwingungen. Das konnte aber über eine dritte Befestigungsstrebe etwas reduziert werden. Die vorderen Schutzblechhalter sollten sich nicht seitlich bewegen lassen.
Wichtig kann noch die Spurbreite sein. Im Gegensatz zu anderen Herstellen bietet HP nur eine an (ca. 80 cm). Diese ist aus Sicht von Fahrstabilität und Komfort optimal gewählt und entspricht dem Standard am Markt. Eine "Narrow Track" Version (ca. 70cm) kann aber Vorteile bieten, je nachdem wo gefahren, durchgetragen oder abgestellt wird. Hier bieten Steintrikes und ICE mit der Trice NT Serie Alternativen.
Wer auf Faltbarkeit oder Zerlegbarkeit (Bahntransport, etc.) wert legt wird mit dem normalen Scorpion nicht glücklich. Beim Scorpion FX gilt es zu bedenken, das man höher sitzt und die Tretlagerüberhöhung hier noch geringer ausfällt - sicher nichts für die sportliche Runde, sondern eher im Segment von Anthrotech angesiedelt. Auch hier bieten oben genannte Hersteller Alternativen.
Fazit
Scorpion - Schönes Dreirad, gute Verarbeitung, solide Technik, breite Auswahl an Zubehör, großes Händlernetz. Wer Sportlich oder aber öfter unterwegs sein möchte, sollte unbedingt prüfen ob der Sitz und auch die Tretlagerüberhöhung den persönlichen Vorlieben und Ansprüchen genügen.
Ich bin letztendlich auf ein ICE Trice Q-NT gewechselt, bei dem mir aber derzeit noch die Langzeiterfahrung fehlt, die ich hier aber sicher nachreiche. Begeistert haben mich im Vergleich aber: Sitzkonzept, Tretlagerüberhöhung, geringe Breite, schnelle Falt-/Zerlegbartkeit, Gepäckträger in 30 Sekunden abgebaut (für die schnelle Runde), durchdachte Einfachheit der gesamten Konstruktion, Hauptrahmen aus Stahl sowie der Gesamteindruck der Verarbeitung.
Weitere Bilder:
Quelle: H.C.
Quelle: H.C.
Quelle: H.C.
Autor: H. C.
erstellt am: 16.10.2007