Bacchetta Strada - Testbericht
Vorgeschichte
Im November 2007 meldete uns Yo Rollenbeck von echyo.com, dass er für die amerikanische Liegeradfirma Bacchetta den Import für Europa übernommen hat. Mir war zu diesem Zeitpunkt der Name Bacchetta noch recht unbekannt. Umso erfreuter war ich, als Yo mich fragte, ob ich nicht Lust hätte, ein Bacchetta-Liegerad zu testen und darüber einen kurzen Testbericht zu schreiben. Ich sagte spontan zu. Kurz darauf verschickte Yo eine rote Bacchetta-Strada nach Ansbach zu Peter Weiß von Fahr Rad. Peter montierte das Rad, stellte es auf meine Größe ein und brachte noch Rückspiegel und Klingel an, die bei Bacchetta nicht zur Standardausrüstung gehören, für das sichere Fahren aber unentbehrlich sind. Vielen Dank dafür. Mitten im Winter - nicht gerade das ideale Wetter zum Fahrradfahren - holte ich das Rad in Ansbach ab.
Meine bisherigen Liegeraderfahrungen beruhen auf ca. 1.000 km mit meinen Nomad Sport von der Fa. Steintrike - Bike Revolution und den Betrieb des Internetportals www.liegeradmagazin.de. Ich schreibe hier also auch einen Erfahrungsbericht über meine ersten Fahrversuche auf einem Lieger mit zwei Rädern.
Erfahrungen
Auffallend für mich als Trikefahrer war zunächst das geringe Gewicht der Strada. Im Vergleich zu den ca. 21 kg meines Steinis lag die Bacchetta wie eine leichte Feder in meinen Händen. Mit nur 11,3 kg gehört sie aber sicher auch zu den leichtesten Modellen unter den Highracern.
Ausgestattet ist die Bacchetta nur mit dem Nötigsten und auch sonst macht der Lieger beim Design eher einen sachlichen Eindruck: ein Rad ohne viel Schnick-Schnack. Zum leichten Gewicht passen auch die schmalen, mit 8bar aufgepumpten Rennradreifen und die Felgenbremsen in Leichtbauweise, die bei Liegerädern eher selten sind. Ich stellte mich also auf ein Rennrad ein und nicht auf ein stadttaugliches Liegerad, denn mit dieser Bereifung sollte man unebene Wege meiden. Auch wegen des fehlenden Gepäckträgers schien mir das Rad für tägliche Einkaufsfahrten eher nicht geeignet. Allerdings ist ein Gepäckträger optional nachrüstbar. Für leichtes Gepäck bietet der Hersteller eine Tasche an, die am Sitz befestigt werden kann. Nun war ich gespannt, wie lange es dauern würde, bis ich mich einigermaßen sicher mit dem Rad fortbewegen kann.
Als ich vor ca. drei Jahren zum Aufbau meines Liegeradportals Informationen über Liegeräder sammelte, las ich wenig über die Vor- und Nachteile von Unter- und Oberlenker. Aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen legte ich mich damals auf den Unterlenker als persönlichen Favoriten fest, ohne jemals eigene praktische Erfahrungen gesammelt zu haben. Zwei Vorteile eines Oberlenkers lernte ich aber schon vor der ersten Testfahrt kennen: Die Bacchetta lässt sich dank der 26 Zoll-Räder und des Oberlenkers bequem und sicher auch einmal schieben, falls das Fahren aus irgendwelchen Gründen nicht möglich ist.
Der Aufstieg ist durch den faltbaren Vorbau in Richtung Tretkurbel gerade für einen Liegeradneuling leicht und bequem. Ein wirklich sehr praktisches Detail. Gut finde ich auch die Verstellbarkeit des Sitzes: einfach und unspektakulär über eine Lochflöte gelöst. Auch in der Vertikalen lässte sich der Sitz leicht verschieben und somit schnell auf eine andere Fahrergröße einstellen.
Praktisch und gut gelöst sind auch die zwei jeweils seitlich angebrachten Flaschenhalter. Die zweite Halterung fehlt bei vielen Liegeradmodellen und wird oft von Liegeradfahrern nachträglich selbst montiert. Die optionalen Flaschenhalter stammen von „the POG“ und sind sogennante Sideloader, lassen sich also bequem von der Seite beladen, so das man die Flaschen nicht mehr von oben hereinfummeln muss sondern einfach nur von der Seite reindrücken kann, was beim Liegeradfahren deutlich einfacher ist. Die Marke „the POG“ ist neu und wird im Marketing von Yo Rollenbeck unterstützt, darum waren Sie beim Test dabei. Ich fand die Flaschenhalter jedenfalls sehr praktisch.
Auf den ersten Metern mit dem Testrad fühlte ich mich noch ein wenig wackelig und erst nach zwei bis drei Versuchen konnte ich die ersten Meter gut geradeaus fahren. - bis zur ersten Kurve: da stand ich wieder mit beiden Füßen auf der Straße ... . Neben der eigentlichen Lenkbewegung muss der Fahrer beim Liegerad zusätzlich sein Gewicht verlagern. Nachdem ich mir dies noch einmal bewusst machte, konnte ich nun auch die Kurven einigermaßen sicher nehmen. Anschließend noch ein paar Runden um den Häuserblock reichten aus, um mich auf dem Rad sicher genug für eine längere Testfahrt zu fühlen. Das Sicherheitsgefühl wurde zusätzlich durch die hohe Sitzposition von 58 bis 65 cm je nach Sitzposition unterstützt. Da ist man mit anderen Verkehrsteilnehmern auf Augenhöhe, wenn nicht sogar darüber. Ein Übersehen durch andere Verkehrsteilnehmern ist fast auszuschließen.
Auf einer längeren Tour konnte ich nun das Fahrverhalten der Strada genauer testen. Auf den Spuren der ersten Eisenbahnlinie von Fürth ging es nach Nürnberg und wieder zurück. Insgesamt eine ebene, gut asphaltierte Strecke, die zu diesem Zeitpunkt aufgrund der kalten Jahreszeit wenig befahren war. Bei mittleren Geschwindigkeiten fühlte ich mich sehr sicher auf dem Rad. Durch den kurzen Vorbau spürte ich besonders beim Antritt die direkte Kraftübertragung. Bei höheren Geschwindigkeiten schwand das Sicherheitsgefühl ein wenig, denn der Lenker fing leicht an zu flattern. Ich möchte allerdings darauf hinweisen, dass dies durchaus mit meiner fehlenden Liegeraderfahrung zusammenhängen kann. Yo Rollenbeck gab mir jedenfalls den Tipp, den Vorbau etwas weiter nach vorne zu stellen. Aus Zeitmangel konnte ich dies leider nicht mehr probieren.
Fazit
Meine insgesamt positiven Erfahrungen mit der Bacchetta lassen sich in drei Worte zusammenfassen: bequem, schnell und sicher. Wegen der Rennradbereifung und des fehlenden Gepäckträgers (optional nachrüstbar) empfehle ich dieses Modell nicht für den Alltag oder längere Radtouren mit viel Gepäck. Die Bacchetta Strada ist ein leichter, schneller, mit dem notwendigsten ausgestatteter Highracer für den ambitionierten Freizeit- und Hochleistungsportler, der das Rad zum täglichen Training benutzen möchte. Mit der praktischen Gepäcktasche von Bacchetta lassen sich auch Alltagsfahrten mit wenig Gepäck durchführen.
Der Preis von ca. 2.000 € macht dieses Modell ebenfalls attracktiv. Die Strada ist durchaus eine Alternative zu anderen hier in Europa bereits etablierten Marken. Eine Testfahrt bei einem Liegeradhändler oder auf der nächsten Spezialradmesse empfehle ich ausdrücklich. Ich hätte das Rad gerne noch länger behalten, Doch nach vier Wochen und ca. 100 km musste ich die Bacchetta leider wieder bei Peter Weis von Fahr` Rad abgeben.
Nachtrag
Ein mehr alltagsorientiertes Highracer Modell von Bacchetta ist das Giro 26, das auch dicke Reifen verträgt. Ausserdem lässt sich hier auch ein zusätzlicher Gepäckträger -ein sogennanter Lowrider- unter dem Sitz befestigen.
Die Bacchetta Linie teilt sich generell in Comfort- und Tourenräder und in sportliche Highracer auf. So fängt der Start ins Liegerad Vergnügen mit dem Bacchetta Cafe bei nur 1250 € an und geht bis zum Corsa für 2450 € das nur knappe 10 kg wiegt. Die gesamte Produktpalette umfasst etwa 7 Räder.
Ihre Eignung haben Bacchetta bikes auch durch den Gewinn des RAAM 2007 bewiesen. Das RAAM (Race across America) ist ein Rennen von Küste zu Küste. Bei diesem Rennen kommt es darauf an, dass ein Rad bequem, schnell, gut in den Bergen und zuverlässig ist.
Die Highracer Gattung ist in Deutschland noch exotisch, bietet aber aufgrund ihrer Bauweise einige Vorteile. Beispielsweise führt die erhöhte Sitzposition zu mehr Übersicht im Straßenverkehr, man wird von Autofahrern im Verkehr leichter wahrgenommen und kann angenehmer in einer Gruppe mit Fahrern auf konventionellen Rädern fahren, da man sich auf gleicher Höhe befindet.
Der Nachteil eines Highracers ist, dass das Rad größer und länger als ein vergleichbares Rad mit 20"-Reifen ist und dadurch mehr Platz wegnimmt.
Mehr Info im Internet unter www.Bacchetta-bikes.de
Autor: Gerald Hirsch (Website)
erstellt am: 06.04.2008