Toxy ZR: Ein schneller Tourer - nicht nur für die Ebene
In den letzten beiden Jahren hatte ich meinen „Liegeradstall“ auf erst zwei, dann ein Trike reduziert. Schon bald vermisste ich aber für liegend sportliche Touren einen leichten und vor allem für flott zu fahrende Anstiege geeigneten Einspurer. Mit dem beginnenden Frühling machte ich mich also auf die Suche am Markt. Die wichtigsten 3 Punkte auf meinem Pflichtenheft waren
- Biomechanisch effiziente Sitzposition für gute Steigungstauglichkeit
- Ordentliche Aerodynamik
- Geringes Gewicht
Zum ersten Punkt konnte ich auf langjährige Erfahrung mit Liegern, Hinweise in einem Fachbuch für Ergonomie, einige Eigenversuche und Erfahrungsaustausch mit anderen Liegeradenthusiasten zurückgreifen. In letzter Zeit hatte ich hierzu u. a. ziemlich lebhaften e-mail-Austausch mit Gerd Blumenstiel.
Der biomechanische Wirkungsgrad beim Pedalieren wird von folgenden beiden Faktoren maßgeblich beeinflusst:
- Die Kraftentfaltung in den Beinen beim Pedalieren ist für Körperöffnungswinkel (dem Winkel zwischen Oberkörper und Oberschenkel im Hüftgelenk) im Bereich von etwa 70 bis 100 Grad hoch. Jenseits dieses Winkelbereichs fällt die Kraftentfaltung stark ab. Idealerweise sollte also bei der Pedalarmstellung mit der maximalen Krafteinleitung in den Pedalarm (beim Aufrechtrad wäre das von rechts gesehen etwa die 3 Uhr-Position) der Körperöffnungswinkel etwa in der Mitte dieses Bereiches liegen. (Inwieweit dies durch gezieltes Training verschoben werden kann, entzieht sich meiner Kenntnis.)
- der Winkel zwischen Pedalarm und Verbindungslinie zwischen Pedalachse und Kniegelenk sollte in der Pedalarmstellung mit der maximalen Krafteinleitung 90 Grad betragen.
Zeichnerische Überprüfung der Sitzposition auf einem Liegerad am Besipiel Toxy ZR
(zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken)
Zur diesbezüglichen Beurteilung der zur Auswahl stehenden Räder zeichnete ich meine relevanten Körpermaße nach Art eines „Strichmännchens“ maßstäblich in die hierfür relevanten Kontaktpunkte der Rahmengeometrie ein. Bild 1 zeigt dies für das Toxy-ZR. Von den sportlichen Tiefliegern, die ich ins Auge gefasst hatte, erfüllte das Toxy-ZR - nicht zuletzt auch wegen seiner Verstellmöglichkeiten von Sitzwinkel und Sitzhöhe - die oben genannten Winkelbedingungen am besten. Damit durfte ich erwarten, dass ich mit dem ZR an Steigungen nicht unnötig viel Schweiß vergeuden würde. Außerdem reizte mich ein Lieger mit Frontantrieb wegen der kurzen Kette und weil ich diese Antriebsvariante bisher noch nicht aus eigener Erfahrung kannte. Ich probiere sehr gerne auch unkonventionelle Konzepte aus. Eine Probefahrt in meiner Nähe war nicht möglich, bis zur "Spezi" wollte ich mit der Bestellung nicht warten. Ich vertraute also auf die Ergebnisse meiner Recherchen und bestellte nach telefonischer Klärung einiger Detailfragen mit Arved Klütz einfach per e-mail.
6 Wochen später lieferte der Postbote ein überraschend handliches Paket (ca. 1,55x0,72x0,26m) bei mir ab. Vor der ersten Fahrt muss der Tretlagerausleger, in meinem Fall nach Kürzung, im Hauptrohr verschraubt, die Lenkerhöhe eingestellt, die Kette abgelängt, die Pedalen montiert und der Sitz eingestellt und verschraubt werden - fertig. Für die Verschraubungen ist ein Drehmomentschlüssel zu empfehlen.
Die Fertigungsqualität des ZR macht einen tadellosen und sehr ausgereiften Eindruck. Es gab lediglich einige kleine, aber leicht behebbare Montagemängel; Toxy sollte seine Endkontrolle noch etwas nachbessern. Optisch wirkt das Rad - nicht zuletzt durch den Frontantrieb - sehr „aufgeräumt“, mit klarer Linienführung. Dieser Eindruck wird noch durch schöne Details unterstützt, wie die vor dem Lenkkopf durch eine vertikale Durchführung im Hauptrohr zusammengefassten Züge und Hydraulikleitungen. So können diese z. B. durch Lenkbewegungen den Rahmenlack nicht abschleifen. Der im 60er Zahnkranz integrierte Kettenschutzring ist ein weiteres „Schmankerl“.
Eine kleine Enttäuschung, gemessen an meiner hochgesteckten Erwartung, hatte ich beim Wiegen: mein ZR wiegt fahrfertig 13,6 kg. Ausstattung: Luftfederbein, Scheibenbremsen Marta SL, CFK-Sitzschale mit Komfortauflage, Rohloff Nabe, TA-Kurbelsatz Carmina 155mm mit Ti-Innenlager, Pedale Shimano XTR, Conti Sport Contact, Flaschenhalter (am Vorbauschaft montiert), Radical-Taschen "LowRacer" wide. Die Rohloff Nabe schlägt hier ordentlich zu Buche, allerdings möchte ich deren Schaltkomfort, Zuverlässigkeit und Wartungsarmut schon seit Jahren bei keinem meiner Räder mehr missen. Wegen meiner kurzen Beinlänge (ca. 79 bis 80 cm Innenbeinlänge) würde meine rechte Ferse höchstwahrscheinlich mit einem Kettenschaltwerk kollidieren; der Rohloff Kettenspanner macht dagegen kein Problem.
Nach dem Ergebnis meiner Geometrieskizze (Bild 1) sollte für mich die zweittiefste Sitzposition (ca. 20cm Sitzhöhe) und die steilste Einstellung des Sitzwinkels (ca. 38 Grad) optimal sein – dies hat sich dann in meinen Fahrversuchen bestätigt. Bild 2 illustriert dies nochmal in der Realität.
Nach nunmehr fast 7 Monaten und ca. 5.000km Fahrpraxis hier meine Eindrücke:
- Beim Anfahren und im Schritttempo fährt sich das ZR wegen des niedrigen Schwerpunktes deutlich „wackeliger“, als „hochbeinigere“ Liegeräder oder Aufrechträder. Bei schneller Fahrt sind Geradeauslauf und Sicherheitsgefühl in schnell durchfahrenen Kurven dagegen sehr gut.
- Der Lenkeinschlag wirkt durch den sehr komfortablen UDK-Lenker mit weit nach hinten gezogenen Lenkerenden etwas sehr begrenzt, dieser Eindruck scheint sich aber mit der Zeit durch Gewöhnung zu verlieren.
- Der Frontantrieb behindert zu meiner Überraschung in keiner Weise. Das rechte Knie kollidiert nicht mit der Umlenkrolle, ohne dass man zu breitbeinigem Pedalieren gezwungen wäre. Allerdings ist das als Option lieferbare Kettenschutzrohr für den vertikalen Teil des Zugtrums unbedingt zu empfehlen, sonst kann eine lange Radhose zwischen Kette und Umlenkrolle geraten. Ist das Schutzrohr aber mit geringstmöglichem Abstand zur Umlenkrolle montiert, kann man das ZR auch problemlos mit Trekkinghose fahren. Es sind keinerlei Pedaliereinflüsse in der Lenkung zu spüren. Der Lenkeinschlag wird durch den UDK-Lenker, weniger durch den Frontantrieb begrenzt, lässt aber mit etwas Übung U-Turns auch auf schmalen Straßen zu und war für mich bisher in jeder Fahrsituation ausreichend. Im normalem Fahrbetrieb, auch an ordentlichen Steigungen, hatte ich bisher nie Traktionsprobleme; lediglich bei sehr kräftigem Antritt in niederen Gängen dreht das VR schon mal durch.
- Das ZR ist eine sehr gute Symbiose aus sportlich schnellem Tieflieger und Komfort-Tourer. Es fährt sich lebendig, wozu auch die Lenkgeometrie beiträgt, beschleunigt fast wie ein Rennrad und ist in der Ebene das schnellste unverschalte Rad, das ich je gefahren habe.
- An langen Steigungen bin ich fast so schnell, wie mit meinem Fitness-Rad (im Sattel sitzend). Wenn ich mit letzterem einen Tick schneller bin, ist dies wahrscheinlich auf den Gewichtsunterschied (13,5 gegen 8,5kg) zurückzuführen. Von all den Liegerädern, die ich kenne, hatte ich nur mit dem Lightning P-38 eine vergleichbar gute Performance am Berg erfahren. Nach all meinen Erfährungen mit Liegerädern bin ich überzeugt, dass die optimale Einhaltung der oben erörterten Winkelbedingungen (wie in Bildern 1 und 2 zu sehen) der Hauptgrund für diese hervorragende Performance auch an Steigungen ist. Guter biomechanischer Wirkungsgrad beim Pedalieren hilft natürlich auch, die Fahrleistungen in der Ebene zu verbessern. Schlussendlich hat man bei der begrenzten Leistung des menschlichen Muskelmotors kein Watt zu verschenken!
- Ich empfinde das ZR als sehr komfortabel für ein Rad dieses Charakters. Der CFK-Sitz (Grösse M) passt für meine Körpergröße (ca. 1,75m) perfekt, mit der Komfortauflage sitze ich sehr bequem, die Schweißnässe am Rücken hält sich (für einen Schalensitz) auch im Sommer in noch erträglichen Grenzen. Die Hinterradfederung macht auch rauere Feld- und Waldwege bei mäßiger Geschwindigkeit gut befahrbar; die relativ schmale Bereifung und die 20-Zoll-Räder setzen aber jeglichem Übermut auf allzu schlechten Wegen Grenzen. Wegen der fehlenden Vorderradfederung ist Vorsicht in welligen Kurven angebracht. Kurze heftige Bodenwellen bringen das VR bei hoher Geschwindigkeit schon mal zum springen“ – also vor Kurven mit nicht sicher erkennbar guter Fahrbahn ist Abbremsen unbedingt angesagt. Da die Hände allerdings mehr oder minder locker auf den Lenkergriffen ruhen, sind durch das VR übertragene Stöße und Vibrationen kein wirkliches Ermüdungsproblem (wie beim ungefederten Aufrechtrad). Das ZR ist eben ein schneller sportlicher Tourer und keine "Sänfte"; trotzdem fühlt man sich auch nach Touren über 100km unter Einschluss auch mal rauerer Rad- und Feldwege frei von Beschwerden.
- Die Abstimmung der Luftdrucke in den beiden Druckkammern des Luftfederbeins ist zeitraubend – mir hat sich bis heute nicht erschlossen, wie genau das Verhältnis von Negativfederweg zu Gesamtfederweg durch das Verhältnis der beiden Drucke bestimmt wird. Die Webseite des Herstellers gibt hier auch keinen Aufschluss. Für mein Körpergewicht (ca. 70kg) haben sich Werte von 6,5 zu 4 bis 4,5 bar als recht brauchbar erwiesen. Allerdings werden schnelle Stöße, z. B. Querrillen auf betonierten Feldwegen bei schneller Fahrt, nicht sehr gut gedämpft. Möglicherweise wäre ein Stahlfederbein für die Hinterbau-Geometrie des ZR die bessere Wahl – allerdings um den Preis höheren Gewichts.
- Das Antriebsgeräusch ist - bis auf das Surren des Rohloff Getriebes in den unteren 7 Gängen - angenehm gering. Allerdings ist der O-Ring der Umlenkrolle für das Zugtrum (ca. 90 Grad Umlenkung!) schon nach der zweiten Fahrt verschlissen, danach wurde es deutlich lauter. Ich habe dann die Standardrolle durch einen Terracycle Idler mit 23Z Alu-Ritzel ersetzt. Ist keine billige Lösung (ca. 80 Eur bei Einzelimport), aber die Terracycle Rolle ist hervorragend gefertigt und läuft völlig geräuschlos. Vermutlich ist auch deren Reibungsbeitrag im Antrieb deutlich geringer als der einer mehr oder minder verschlissenen Plastikrolle. Die Montage erfordert einen ca. 5 mm längeren Haltewinkel, den mir Arved Klütz freundlicherweise angefertigt und kostenlos geschickt hat. Zur Geräuscharmut trägt natürlich auch der fehlende Kettenschräglauf dank der Rohloff Nabe bei.
- Bei schneller Fahrt auf nassen Wegen schleudert das Hinterrad gnadenlos Sand und Spritzwasser in den Nacken. Dagegen ist man vor Nässe und Dreck vom Vorderrad durch das dicke Rahmenrohr recht gut abgeschirmt.
- Das ZR ist ausgesprochen einfach zu warten und zu pflegen, besonders dank Frontantrieb, Scheibenbremsen und Rohloff Nabe. Es kommt einem „Sorglos-Bike“ schon sehr nahe - Fahrspaß ohne viel Putzen und Schrauben.
Fazit:
Das Toxy-ZR ist ein sehr schneller, sportlicher aber komfortabler Tourer mit für ein LR hervorragender Performance an Steigungen, für Strassen und Wege mit nicht allzu schlechter Oberfläche. Die Tauglichkeit im dichten Stadtverkehr ist durch die tiefe Sitzposition und die eher mäßigen Langsam-Fahreigenschaften etwas eingeschränkt - erfordert zumindest sehr defensive Fahrweise. Der Vorderradantrieb hat für mich mehr Vor- als Nachteile gegenüber dem konventionellen Hinterradantrieb. Allerdings konnte ich noch keine Wintererfahrungen sammeln. Die über die Sitzlehne stülpbare Gepäcktasche (Radical Low-Racer) reicht für Tagesgepäck und bei nicht allzu schlechtem Wetter auch mal für eine Mehrtagestour. Für Radreisen bräuchte man den von Toxy lieferbaren Heckkoffer (habe ich nicht ausprobiert), der allerdings nicht an dem CFK-Sitz montiert werden kann. Für häufige Schlechtwetterfahrten wäre eine Heckverkleidung zu empfehlen.
Von all den Liegerädern, die ich bisher gefahren habe, vermittelt das Toxy-ZR den meisten Fahrspass und ist überdies eine sehr effiziente Fahrmaschine. Toxy hat offenbar gut daran getan, den Sitzwinkel nicht im Interesse noch besserer Aerodynamik kompromisslos flach zu wählen. Die für einen schnellen Tieflieger eher steile Lehne verhilft dem „Muskelmotor“ des Fahrers zu bestmöglichem Wirkungsgrad. Dies könnte bei der auf hügeligen Strecken erreichbaren Schnittgeschwindigkeit manche superflache Flunder alt aussehen lassen.
Autor: Helge Schrenker
erstellt am: 14.10.2008







